Paranoide Schizophrenie – der patriarchale Wahnsinn

Ein Nachruf auf meinen Vetter und eine Gesellschaftskritik

Kürzlich verstarbst Du, mein Cousin. Du littst unter paranoider Schizophrenie. Oder war es doch eher unsere kaputte Gesellschaft, das Patriarchat, was Dich erst Deinen Verstand und dann Dein Leben kostete? Dein Tod hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe versucht, mir Dein Verhalten zu erklären.

Du warst ein lebensfroher Typ, Partygänger, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Und ein Mädchenschwarm, der keine Gelegenheit ausließ, so kam es mir vor. Dass der frühe Tod Deines Vaters Dich verletzlich gemacht hatte, ahnte ich damals noch nicht.

Deine Erkrankung kam schleichend. Nicht lange nach der Geburt Eurer Tochter, trennte sich Deine Freundin von Dir. Da hatte sich Dein Wesen für sie wohl schon merklich verändert. Du unterstelltest ihr, Dich betrogen zu haben. Das Kind sei gar nicht von Dir. Sprach da die tief sitzende Angst eines Mannes, zum Gespött der Leute zu werden als gehörnter Depp mit einem untergeschobenen Kuckuckskind?

Bald verlorst Du auch Deine Arbeit. Konntest nicht mehr mithalten. Oder wolltest es vielleicht auch nicht? Weil Dich die Monotonie der Arbeitswelt mit ihrem Leistungsprinzip anödete, erschöpfte, überforderte? Dir Deine Lebenszeit stahl für Kreatives und Selbstentfaltung? Dir einen Lebensrhythmus aufdrückte, der nicht Deiner war? Fremdbestimmt statt selbstbestimmt?

Irgendwann berichtete uns Deine Mutter, dass Gott, der Erlöser, in Dein Leben getreten sei. Seine Stimme sprach direkt zu Dir, Du hörtest sie in Deinem Kopf. Früher warst Du nie religiös. Kann es vielleicht sein, dass Du Minderwertigkeitskomplexe hattest, Dich klein und unbedeutend fühltest oder ohnmächtig? Dabei warst Du doch ein ganz begabter Handwerker, der sich ein schönes Heim geschaffen hatte. Und war das Zwiegespräch mit Gott eine Extremform der Überkompensation? Immerhin warst Du ja nicht nur der Auserwählte des Allmächtigen, sondern bescheinigtest Dir auch einen IQ von 133 und mehr. Mit der Stimme Gottes im Kopf nahmst Du Reißaus und verschwandest Richtung Orient, um Dir eine neue Frau zu suchen. Dort seien sie nicht so verdorben wie hier…

Mit Mühe konnte Dich Deine Familie zurückholen und zu einer Therapie überreden. Dein Leben plätscherte so vor sich hin mit Höhen und Tiefen. Das letzte Mal, als wir uns begegneten, war in dieser Tabletten-Phase. Wir konnten uns „vernünftig“ unterhalten. Aber der Alte warst Du nicht mehr. Der Schalk im Nacken war verschwunden, Dein frecher Gesichtsausdruck. Du wirktest schüchtern bzw. eingeschüchtert, schamhaft. So als hätte die Erkenntnis über Deine Geisteskrankheit – nun da Du bei klarem Verstand warst – Dir Dein Selbstbewusstsein und Deine Hoffnung genommen. Wie sollte es auch anders sein in einer Gesellschaft, die psychisch Kranke stigmatisiert; in einem Staat, der psychisch Kranke als untauglich ausmustert und mit einer kleinen Frührente abspeist, die nicht zum Leben reicht und nicht zum Sterben. Zwei, drei Todesfälle in Deinem nahen Umfeld brachten Dich ins Grübeln. Solltest Du für den Rest Deines Lebens als ausrangierter Psycho Dein Dasein fristen? Running through life like a misfit? Du setztest die Medikamente ab und ergriffst erneut die Flucht.

Auf eigene Faust erkundetest Du Südeuropa, schosst Fotos von Dir am Strand, vor historischen Gebäuden, am Straßenrand provisorisch Fleisch bratend, mit Zigarre im Mund oder in einer feinen Herrenboutique Anzüge anprobierend. Meistens mit Victory-Zeichen oder Stinkefinger. Die Welt konnte Dich mal. Du warst ein Freigeist, ein Lebemann, ein Mann von Welt, ein Outlaw. Das ging mehrere Monate so, bis die Reise für Dich in einem Krankenhaus endete, von dem aus die Polizei Deine Familie benachrichtigte. Vielleicht schon ahnend, dass sich Deine Energiereserven dem Ende neigten, kehrtest Du heim.

Ich stelle es mir so vor, dass Dein Gehirn den neurochemischen Spagat zwischen Freiheitsliebe einerseits und widerwilliger Angepasstheit andererseits irgendwann nicht mehr zu leisten im Stande war. Er ging Dir im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist. Dein Gehirn quittierte den Dienst. Du sagtest, Du seist eine ‚HSP‘ – eine hochsensible Persönlichkeit. Ja, das warst Du. Ich glaube, Deine feinen Antennen sind unter der hohen Sendelast einer krank machenden Gesellschaft irgendwann eingeknickt, Deine Sicherungen durchgeknallt. Die Ängste Deines sensiblen Gemüts steigerten sich zu Wahnvorstellungen. Den Anforderungen der realen Welt nicht gewachsen oder unwillig, flüchtetest Du in Deine eigene Welt – frei von Zwängen und Auflagen, als Dein eigener Chef, zu Höherem berufen. Es war wohl reiner Selbstschutz Deinerseits.

Zu Kindern hattest Du immer einen guten Draht. Deine Nichten und Neffen durften bei Dir alles. Als wäre Dir die freie Welt der Kinder lieber als die Erwachsenenwelt mit all ihren Verpflichtungen. Über Deinem Schreibtisch hing eine Palästina-Flagge. Auch davon sprachst Du früher nie. War es der Freiheitskampf, der Dir sympathisch war, symbolisch für Deinen eigenen?

Die Angst, aus Deiner heilen Welt herausgerissen zu werden, war groß. Du hast Dich zu Hause verbarrikadiert und verstörende, unheimliche Videos ins Internet gestellt. Sie zeigen, dass Du Dich verfolgt fühltest. Du filmtest ein Café, in dem Menschen ganz normal ihren Kaffee tranken, leere Parkgaragen, einen abgeernteten Acker mit Reifenspuren. Letzteren kommentiertest Du mit „nächtlicher wilder Verfolgungsjagd“ und „Drohnen“, die es auf Dich abgesehen hatten. Von der Mafia war auch die Rede. Abgemagert wie Du warst, wolltest Du von Deiner Familie kein Essen annehmen. Zu tief verankert saß Dein Misstrauen, „vergiftet“ zu werden. Mit Vergiftung meintest Du wohl Psychopharmaka, die Dich zurückgeholt hätten in die Welt, in der Du nur ein armer Irrer, ein ruhig gestellter Spinner, ein aussortierter Nobody, ein Versager gewesen wärst. Deine Familie hast Du beschimpft, hast ihnen sehr übel genommen, dass sie Dich einst in die Psychiatrie „steckten“. Sie seien unter Deinem Niveau! Dass sie eine Dreckschlampe sei, war das letzte, was Deine kleine Schwester von Dir zu hören bekam. Ein ängstlicher Mann, der seine besorgte Schwester abwertet, um sich kurzfristig besser zu fühlen? Über Deine andere Schwester verbreitetest Du im Ort, sie unternehme mit Deinem Geld weite Reisen. Sprach da die Scham aus Dir, weil Du es selber nicht hinbekommen hattest, nicht hinbekommen konntest, Dir einen höheren Lebensstandard zu erarbeiten und die Demütigung, dass Du es in Deinem Zustand auch niemals mehr würdest erreichen können? – All das hättest Du nicht so gemeint, ist sich Dein Bruder sicher. In Deinem Haus hingen überall Familienfotos, erzählte er.

Die Fachliteratur sagt, dass bei Frauen dank der Östrogene die Schizophrenie später ausbricht und besser ausheilt. Sind es wirklich nur Hormone, die hier schützen, oder die nach wie vor präsenten Geschlechterrollen? Frauen wird Schwäche nicht nur gestattet, sie sind per Definition das schwache Geschlecht. Schwache Männer hingegen darf es nicht geben und psychisch kranke schon gleich gar nicht. Hat Dich das davon abgehalten, Dir Deine Erkrankung einzugestehen und Hilfe anzunehmen?

Schizophrenie – gespaltener Geist. Welch unpassender Name für Menschen wie Dich, warst Du doch geistig immer im Hier und Jetzt anwesend, konntest Dich an alles Erlebte erinnern. Wie praktisch für eine Gesellschaft, Menschen wie Dich zu pathologisieren, den Fehler bei Dir zu suchen. Das lenkt sie von sich selber ab. Verfolgungswahn trifft es eher, finde ich. Genau das werden wir doch, verfolgt, von sämtlichen Ansprüchen, die die Welt an uns stellt, dabei ständig registriert, observiert, kontrolliert, gemessen an woran auch immer.

Wärst Du im postpatriarchalen Zeitalter verrückt geworden? In einer Welt, wo Männer nicht leisten müssen beruflich wie privat? In einer Welt, die Dir erlaubt hätte, Deine Gefühle auch jenseits von Malerei und Musik auszudrücken? Wo Du auch „schwach“ hättest sein dürfen? In einer Welt ohne Arbeitszwang, ohne Geld und Statussymbole, ohne Überwachung? In einer Welt, die nicht kategorisiert nach Herkunft und Berufsstand und nicht einteilt in Hierarchien? Der Volksmund weiß, Kinder und Besoffene sagen immer die Wahrheit. In einigen Kulturen gilt dies in gewisser Weise auch für Wahnsinnige. Sie werden dort als Orakel oder göttliches Medium hoch geschätzt, weil sie Auskunft geben über den Zustand der Gesellschaft.

Zuletzt maltest Du in Deinem Haus alle Wände bunt, schlugst Löcher in Wände, wolltest eine Gemeinde für wahre Christen – aus der katholischen Kirche warst Du ausgetreten – einrichten und den Menschen Gutes predigen für eine bessere Welt. So wie einst Jesus, der dann als Märtyrer starb. Die Geschichte wiederholt sich. Dein Abschirmkampf gegen die Außenwelt hat Dich viel Kraft gekostet und Dir Magengeschwüre eingebracht. Ausgemergelt und vorgealtert zu einem Greis erlagst Du schließlich Deinen Magenblutungen. Sie fanden Dich nackt wie die Christus-Statue auf dem Boden liegend. Mach’s gut, lieber Vetter! Möge Dein früher Tod nicht umsonst gewesen sein, wenn Dein Verfolgungswahn – oder besser Dein Feinsinn? – die Krankheit unserer Gesellschaft, das Patriarchat, offenbart.

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