Offener Brief an Wladimir Kaminer

Priwet Gaspadin Kaminer,

Sie enttäuschen uns. Kannten wir Sie bisher – wenn auch nur oberflächlich – als aufmerksamen Beobachter skurriler, menschlicher Eigentümlichkeiten, nie verächtlich spottend, sondern immer mit einem Augenzwinkern, nicht auf Streit aus, sondern auf Verständigung. Ein sympathischer Wesenszug von Ihnen, denn bei all dem Grauen in der Welt sollte man doch seine Fröhlichkeit und den Blick auf Heiteres nicht verlieren und mit anderen teilen. Unser Bild von Ihnen wendete sich schlagartig beim Lesen von „Liebe auf Französisch“ in Ihrem aktuellen Erzählband „Liebeserklärungen“, strotzt diese Erzählung doch nur so vor Altherrenwitz, Zynismus und Gewaltumdeutung. Dass Sie in Ihrer Einleitung das russische Propaganda-Verbot homosexueller Handlungen, was ganz klar Homosexuelle diskriminiert, gleichsetzen mit dem hiesigen, wenn durchaus geheuchelten, Verbot der Sodomie, was Gewalt an Tieren wenigstens ein bißchen Einhalt gebietet, nämlich als staatliche Moralkeulen, darüber wollen wir mal großzügig hinwegsehen.

Sie schreiben von einer russischen Frau, die irgendwann zwischen Oktoberrevolution und zweitem Weltkrieg in Paris studierte und zwar nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Leben. Gehen wir mal vom Idealfall aus und sie testete ganz ungezwungen verschiedene Sexualpraktiken. Nehmen wir an, sie lernte jemanden kennen, den sie so sehr mochte, dass sie es liebte, ihn mit Fellatio zu verwöhnen. Vielleicht steigerte sie sich so sehr in ihre Freude hinein, jemand anderem eine Freude zu bereiten, dass ihr dabei einer abging. Biologisch betrachtet eher unwahrscheinlich, denn wir wissen nicht erst seit der Wahrheit über den Film „Deep Throat“, dass sich die Klitoris weder im Mund noch im Rachen einer Frau befindet, sondern an ihrer Scheide. Wir möchten nur am Rande erwähnen, dass Linda Boreman alias Lovelace von ihrem Ehemann zu diesem Film geprügelt wurde und die Filmcrew dies ignorierte. Aber bleiben wir beim Idealfall in Ihrer Erzählung, dass es in Paris mit Ihrer Bekannten nicht so war. Was uns als Feministinnen übel aufstößt, ist der Fortlauf der Geschichte, so wie Sie ihn erzählen. Die Dame muss also aus politischen Gründen zurück nach Russland, ihre Eltern zu Staatsfeinden erklärt und verurteilt (zum Tode?), sie selber der Spionage bezichtigt und einer möglichen Hinrichtung entgegensehend. Und in dieser prekären Situation um Leben oder Tod praktiziert sie beim sie verhörenden Major Oralverkehr. Nein, wie witzig ist das denn? So entkommt sie für zweieinhalb Jahre ihrem Tod, dem Major in all der Zeit weiterhin sexuell zur Verfügung stehend, bis die nächste Gefahr droht: ein misstrauischer Untersuchungsrichter. Das „Spielchen“ geht von vorne los. Er bringt sie in den Ort seiner Eltern, die er oft besuchen wird, zwinker zwinker, bis schließlich die Nazis einmarschieren und alle Frauen im fickbaren Alter als „Haushaltshilfen“ nach Deutschland verschleppen. In Ihrer Erzählung, Herr Kaminer, wurde die Hauptfigur nicht verschleppt, sondern ließ sich verschleppen, als hätte sie anscheinend eine Wahl gehabt. Nun kommt unsere Lieblingsstelle: „Man muss nicht extra erwähnen, dass Kätzchens [Spitzname der Protagonistin] Aufgaben sich sehr schnell auf Französischlektionen beschränkten, während die Offiziersfrau weiter den Fußboden schrubbte und den Abwasch erledigte.“ Welch Freudenfest für jeden Macho: Das eine Weib kriecht auf dem Boden und putzt meinen Dreck weg, die andere kniet vor mir und bläst mir einen.

Den richtigen Namen der mittlerweile Verstorbenen kennen Sie nicht, genauso wenig die Herkunft ihres Spitznamens „Kätzchen“. Für den kann es viele Gründe geben, aber für Sie, Herr Kaminer, liegt der Ursprung mit Sicherheit in deren Leck-Technik. Damit geben Sie uns ungewollt Einblick in Ihre pornografische Fantasie. (Sind Sie deswegen gegen das Sodomie-Verbot?) Nun, die Geschichte endet vorhersehbar: Die Russen kommen, wollen die verschleppten „Arbeitssklavinnen“ – interessant, dass Sie hier dieses Wort benutzen – zurückholen und in Lager stecken. Erst ein Major, dann ein General. Letzterer namens Nikolai Bersarin bleibt in Berlin, mit ihm das „Kätzchen“ als persönlicher Sekretärin. Wir können uns denken, warum.

Das Leben der Dame endete in einem Berliner Altersheim, für das sie kein Geld hatte, wo sie aber angeblich im Tausch gegen sexuelle Dienstleistungen am Chefarzt und dem Pflegedienstleiter gnädigerweise bleiben durfte. Göttin sei Dank, dass sie bis ins hohe Alter ihre Fuckability behielt.

Ihr Fazit: Überleben durch Spaß am Sex. Zu dumm nur, dass Ihr Großonkel, über dessen Hinrichtung Sie uns auf den folgenden Seiten informieren, einfach zu verklemmt und prüde war…

Es mag sein – sofern Sie all das nicht frei erfunden haben -, dass Ihre Landsfrau Ihnen diese Geschichte mit einem verschmitzten Lächeln erzählt hat. Man muss keine Psychologin sein, um zu erahnen, dass dahinter eine Überlebensstrategie steckt. Es lebt sich besser mit der Vorstellung, immer die Kontrolle über das eigene Leben gehabt und Entscheidungen selbst getroffen zu haben – erst recht, wenn die gegenteilige Wahrheit zu demütigend und schmerzhaft ist. Die Verstorbene wird selber am besten wissen, warum sie untypisch für ihre Generation nie geheiratet und Kinder bekommen hat. Vielleicht fand sie all das Schwanz-Gelutsche am Ende doch nicht so toll?

Für Lektionen in Patriarchatskunde stets zur Verfügung stehend,

Ihre Feminazis


Nachtrag am 18.1.2020:

Herr Kaminer informierte uns per Email, dass er Sodomie ekelig und diese Geschichte grauenvoll und erschütternd finde. Wir verwechselten hingegen seiner Ansicht nach Autor und Erzähler. Dann klären Sie uns bitte auf, Herr Kaminer: Warum sortieren Sie als Autor diese Missbrauchsgeschichte, in der weder Liebe und noch Humor vorkommen, unter lauter tragikomischen Liebesgeschichten ein in einem Buch mit dem Titel „Liebeserklärungen“ und einem Klappentext, der Herzensangelegenheiten mit Humor verspricht? An welcher Stelle entlarven Sie den Erzähler als Opfer verhöhnenden Macho, von dem Sie sich als Autor distanzieren? Solange das nicht klar ist, müssen wir leider davon ausgehen, dass Autor und Erzähler identisch sind. Für unsere Kritik spielt es keine Rolle, ob diese Geschichte wahr, teilwahr oder erfunden ist. Frauen dienen bis heute als sexuelle Kriegsbeute, ihre Vergewaltigungen als eine Kriegswaffe. Sexuelle Nötigung von Frauen durch physisch, hierarchisch und/oder ökonomisch überlegene Männer ist allgegenwärtig.

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