Geschichten aus dem Patriarchat zu Corona-Zeiten, Teil 16

Teil 16 – Alte Freundschaften

Sie hatten sich schon seit mehreren Jahren auseinander gelebt. Mittlerweile beschränkte sich ihr Kontakt nur noch auf Geburtstagsgratulationen. Bei den letzten Treffen in ihrer Lieblingskneipe gerieten sie meist beim Thema Prostitution aneinander. Er vertrat die „unspießige“, neoliberale Position vom ‚Beruf wie jeder andere‘, sie die abolitionistische. Er empfand das als Streit, sie als Diskussion. Wenn er bessere Argumente hatte, sollte er sie doch vorbringen. Mittlerweile war er Vater einer Tochter. Ob er seine Position immer noch so vertreten würde?

Auf ihre letzte längere Email hatte er schon nicht mehr geantwortet. Da hatte er sich zuvor bei ihr über chronische Beschwerden ausgelassen. Sie fragte vorsichtig an – und das sollte unter Freunden doch eigentlich normal und möglich sein, vor dem Hintergrund hoher Trennungsraten und der ewigen Liebe als patriarchaler Illusion sowieso -, ob seine Symptome möglicherweise etwas mit Beziehungsproblemen zu tun haben könnten. Er reagierte sehr gereizt. Dabei war er damals in der Kennlernphase mit den ersten Rendezvous unzufrieden gewesen, bezeichnete seine Auserwählte verschämt als „langweilig“. Später revidierte er das, er habe wohl Angst vor der Nüchternheit gehabt. Sie fand seine Freundin sympathisch, viel natürlicher als seine vorherigen. Aber auch sehr still, keine Person, mit der man mal richtig streiten kann. Sie waren nun schon einige Jahre zusammen. Als er berichtete, dass er bald Vater würde, sprach er über sein Kind von einem „Projekt“. Das fand sie befremdlich.

Rückblickend würde sie sagen, hatten sie sich deshalb immer weiter von einander entfernt, weil sie sich innerlich immer weiter vom System abwendete, es überhaupt als solches erkannt und hinterfragt hatte, während er auf der Karriereleiter immer weiter emporstieg, mit all den Opfern, die das mit sich bringt, vor allem des Sich-Verbiegens. Sich der Mehrheitsmeinung der elitären Zugehörigkeitsgruppe anschließen, um nicht aufzufallen oder gar anzuecken. Während sie es darauf ankommen ließ, ihre langjährige Stelle zu verlieren, den Systemwahnsinn, der nun in Corona gipfelte, nicht mehr ertragen könnend, bekam er seine erste Vertretungsprofessur. Nicht nur das, sondern auch mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Netz erfuhr, als sie der Neugier halber nach ihm googelte. Corona brachte ihm die Möglichkeit, sein Schwerpunktthema bekannter zu machen, um nicht zu sagen, zu vermarkten. Ganz ehrlich: Sie konnte ihm inhaltlich nicht mehr folgen, vermisste darüber hinaus in seiner Darbietung jegliche Natürlichkeit, empfand sie stellenweise als latent aggressiv und überheblich, weil zu sehr bemüht, gerade nicht arrogant zu wirken. Belege für seine Standpunkte: Fehlanzeige. Ein Wiederkäuen lauter Mainstream-Plattitüden, nicht wissenschaftlich, sondern abgehoben, unter seinem Niveau. Nicht kritisch, sondern regierungstreu bis ins Mark. Is‘ doch alles ganz easy mit dem Lockdown, wird schon seine Richtigkeit haben, sollten uns doch alle mal entspannen und nicht so misstrauisch sein. Sogar Staatsgewalt euphemisierte er. Besonders dreist fand sie: Er hatte sein Lebtag viel geraucht, wer weiß wie viele fremder Leute Lungen in geschlossenen Räumen vollgequalmt, von seiner starken Gewichtszunahme ganz zu schweigen – und nun sollten andere Menschen für ihn Masken tragen?! Sein Vortrag endete mit einem verschmitzten Lächeln und einem leicht abgewandelten berühmten Zitat eines totalitären Staatsmannes. Dafür bekam er sogar – oder vielmehr eben deswegen? – einen Preis. Sei ihm jeder Preis gegönnt für gute wissenschaftliche Abhandlungen. Aber dafür? Für diese Art von Preisen war er doch eigentlich auch schon zu alt und zu weit fortgeschritten in seiner Laufbahn. Das roch sehr nach politisch motivierter Auszeichnung.

Sie überlegte lange, ob sie ihn kontaktieren, ihm ins Gewissen reden sollte, mit den Fakten konfrontieren, die schon lange auf dem Tisch lagen. Nicht zuletzt für seine Tochter. Was sollte diese später einmal über ihn, der Kunst und Kultur für nicht systemrelevant hält, denken? Welche Welt wollte er für seine Tochter aufbauen? Eine, die so schön ist wie Air von Bach oder so öde wie die Bücher von Klaus Schwab? Sollte seine Tochter später einmal sagen ‚Fuck you, I won’t do what you tell me‘ oder Ja und Amen? Sie rief ihre Freundin an, erzählte ihr alles. Und während sie sich immer weiter hineinsteigerte, bemerkte sie, wie ihr Bauch verspannte, ihre Hose feucht wurde, wieder Blutungen einsetzten. Was wollte ihr Körper ihr damit sagen? Let it flow? Du kannst den Fluss des Lebens nicht aufhalten? Lass‘ los? – Sie hatte ihm zum Geburtstag ein „Ständchen“ von Brecht verlinkt: ‚Im Gefängnis zu singen‘ – damit war alles gesagt.

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