Geschichten vom Ende des Patriarchats, Teil 1

Teil 1 – Der Eigentümer

Lange waren sie sich nicht mehr begegnet. Er zog seine Landhausresidenz der zentral gelegenen Stadtwohnung vor, die er vornehmlich über eine entsprechende Agentur an Mieter auf Zeit vergab. Ob aus Gründen der Flexibilität, um die Wohnung selber bei Bedarf beziehen zu können, oder aus Gründen höherer Einnahmen oder beides, das wusste sie nicht. Selber gewohnt hatten er und seine Frau dort schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Sie kamen nur noch zur Wohnungsinspektion alle paar Monate, wenn mal wieder ein Übergangsmieter ausgezogen war. Das letzte Mal, als sie seiner Frau begegnete, war direkt vor dem Mehrparteienhaus. Auf offener, leerer Straße trug die Eigentümer-Nachbarin eine Maske. Fast hätte sie sie nicht erkannt. Eine richtige Unterhaltung kam nicht mehr zustande und das lag nicht nur an der Stoff- und Mimik-Barriere.

Als sie sich damals kennen lernten, war gerade ein anderer neuer Mieter auf derselben Etage eingezogen. Die Gelegenheit wollte das einstige Hippie-Pärchen nutzen, sich mit den neuen Single-Nachbarn, die ihre Kinder sein konnten, bekannt zu machen und lud sie zu Kaffee und Kuchen ein. Im Nachhinein betrachtet vermutete sie, geschah dies eher aus eigenem Selbstverständnis heraus: Offenheit und Interesse zeigen gegenüber der jüngeren Generation in der sonst so anonymen Großstadt. Neben dem Alter hatten sie auch sonst nur wenig gemein: Der junge Mann in einem prekären Arbeitsverhältnis und mit Unterhaltszahlungen belastet; sie in einem typisch unterbezahlten Frauenberuf in unfreiwilliger Teilzeit. Die Miete machte wahrscheinlich für beide den Großteil ihrer Einkommen aus. Für eine kleine Eigentumswohnung reichte es nicht. Das Pärchen schon in Rente, die Schäfchen im Trockenen. Ein Eigenheim auf dem Land, eines in der Stadt und weitere in Anbahnung, wie eine andere Mieterin mal verlauten ließ. Sein Geld hatte er als Mathematiker verdient, seine Frau betrieb mal eine kleine Baguetterie.

Die letzte Unterhaltung mit ihm, an die sie sich erinnern konnte, handelte von seiner Reise nach Indien. Sie, selber noch nie dort gewesen, fragte ihn damals, wie es denn sei, mit dieser Armut umzugehen, von der ihr schon mehrere berichtet hatten, u.a. ein indischer Wirtschaftsingenieur und ein deutscher Luxusküchenausstatter. Er lachte und antwortete, die Menschen seien dort ganz normal so wie hier. Reagierte so jemand, der auf den Widerspruch des eigenen Lebensstandards und seiner eigenen politischen Überzeugung prallte? Diese letzte Begegnung der beiden lag offenbar so lange zurück oder war einfach zu unwichtig gewesen, dass er sie nun fast nicht mehr erkannte und beinahe grußlos an ihr vorbeigezogen wäre – trotz offenen Visiers. Sie, etwas Small talk in Gange bringend, gab ihm zu verstehen, dass sie ja von diesen alle paar Monate wechselnden Mietern, mit denen sie quasi Tür an Tür wohne, so gut wie nichts mitbekäme und das sei ja irgendwie auch schade, wenn man gar nicht wisse, wem man da im Treppenhaus begegne oder wie die Leute überhaupt aussehen, deren Lebensgeräusche man manchmal höre. Dass sie, die nur noch von Ersparnissen lebte – Corona hatte sie die Stelle gekostet –, vielleicht selber nicht mehr allzu lange dort wohnen würde, weil ihr Vermieter sie auf Mieterhöhung verklagt hatte, erzählte sie nicht. Ehrlich gesagt, schätzte sie ihn ähnlich ein. Kaum hatte sie diesen Gedanken gedacht, berichtete er ihr, dass demnächst wohl ukrainische Flüchtlinge dort einziehen würden. Dann wisse sie wenigstens mal, wer dort wohne. Sie meinte, einen gewissen Stolz in seiner Stimme und eine auf Bestätigung wartende Körpersprache vernommen zu haben, ging darauf aber nicht ein. Auf diese politisch korrekten Glaubensbekenntnisse hatte sie keine Lust. Die Miete zahlt vermutlich die Stadt? Der kurze Plausch endete hier, schöne Grüße an die Frau.

Nun, dachte sie bei sich, sei allen Opfern von Geopolitik eine sichere Zuflucht gegönnt. Sei aber auch allen ortsansässigen Lohnsklaven, Systemverlierern und -verweigerern ein trautes und wenigstens bezahlbares Heim gegönnt. Und sei vor allem allen von ihnen gegönnt, nicht gegeneinander ausgespielt zu werden. Nicht von einer bösen Elite-Clique und nicht von gutmenschlichen Systemprofiteuren, damit diese sich an ihnen in selbstgerechter Manier bereichern konnten – finanziell an den einen, ideologisch an den anderen. Dieses asoziale System konnte nur vor die Hunde gehen, war es schon längst. Vor lauter selbstherrlichem Gesinnungsrausch waren ihr feiner Ex-Nachbar genauso wenig wie ihr Vermieter, dessen Gattin auch gerne ihr Ehrenamt an die große Glocke hängte, aber offenbar nicht mehr in der Lage, den Verwesungsgestank der Patriarchatsleiche zu riechen. Das verdorbene Fleisch wird bis in den letzten Kadaverwinkel weiter ausgehöhlt. Wenn sie sich daran mal nicht den Magen verderben. Das System ist elastisch, sagte neulich ein Bekannter. Das stimmt wohl. Doch jedes Gummi wird irgendwann spröde. Der Zeitpunkt naht, an dem solche Leute feststellen werden, was sie in ihrer Kindheit oft zu hören bekam: Mach‘ die Augen zu, dann siehst du, was deins ist.

Der Ausweg (Gedicht)

Der Ausweg

Wer Freiheit will,
muss Wahrheit suchen.
Wer Wahrheit trifft,
wird Schmerz empfinden –
den von Täuschung und Betrug,
von eig’ner Missetat und Niedertracht.

Der Schmerz ist ein Symptom der Heilung.
Wer nicht wagt, ihn zuzulassen,
wird weiter darben
in der scheinheiligen Welt der Lügen
entstellt und unentfaltet
bis zur schlussendlichen Erschöpfung.

Die Wahrheit ist versöhnlich.
Sie vereint, was tief gespalten
in uns selbst und auch im Außen.
In ihrer unpolitischen Korrektheit
zeugt sie von göttlicher Natur.
Mit ihr wirst du unsterblich.

Ein Rätsel (Gedicht)

Ein Rätsel

Wer bin ich?
Ich bin allgegenwärtig.
Ich habe viele Gesichter und bin doch unsichtbar.
Du kannst mich nicht hören oder schmecken.
Du kannst mich fühlen, aber nicht tasten.
Manche meinen, sie könnten mich riechen.

Die Werbung benutzt und missbraucht mich, weil ich so beliebt bin.
Manche wollen mich einschränken, verbieten oder wegsperren.
Sie halten mich für gefährlich. Aber ich bin nicht greifbar.
Es gelingt ihnen nur zeitweilig. Mein Drang ist stärker.
Diktaturen pervertieren mich.
Manche behaupten, sie könnten mich besitzen,
über mich bestimmen und verfügen,
mich verwalten und gewähren,
an andere verteilen – sie lügen.
Ich bin weder käuflich, noch verhandelbar.
Man kann mich nur nehmen, nicht bekommen.
Ich gehöre Dir und allen und niemandem.

Ich bin schon immer da,
der Boden zu Deinen Füßen,
der Himmel weit geöffnet,
Deine Atemluft,
der Gedanke in Deinem Kopf.
Ich bin Dein Urinstinkt,
Dein Wille und Dein Widerstand.

Manche sagen, höre nicht auf mich, sei vernünftig.
Sie wollen unsere Verbindung kappen,
Dich mir entziehen und beherrschen.
Doch unsere Liebe zueinander währet ewiglich.
Sie ist Bedingung für ein glückliches Leben.
Erkennst Du mich?

Die Katze und Ein Abschiedsbrief (Gedicht und Ballade)

Die Katze

Die Katze
trägt keine Maske.
Das verbietet ihr Instinkt.
Ihr Wesen ist wahrhaftig,
ihr Charakter unverstellt.
Die Zunge reinigt das Fell.

Ein Abschiedsbrief¹

Von Geburt an warst Du mein ständiger Begleiter.
Nicht nur meiner, unser aller.
Hast uns erzogen und gelehrt,
was richtig ist, was falsch.
Wir haben Dich tief verinnerlicht.
Geliebt haben wir Dich nie.
Keiner von uns.

Zweifel, die manches Mal aufkamen,
ersticktest Du im Keim.
Mal kamst Du freundlich frohlockend daher,
mal mit strenger Hand.
Auch mit Gewalt,
die Du bedauertest,
war sie doch alternativlos,
diente sie nur unserem Schutz und unser aller Wohl.
Wie ein Schulmeister, der am besten weiß,
was gut ist für seine Kinder.

Die Erkenntnis, dass Du uns unserer Mutter genommen
und uns zu Waisen machtest,
war so schmerzhaft wie heilsam.
Viele von uns sind erwachsen geworden
und Du ein alter Greis,
nicht weise,
sondern knorrig und verdorrt.

Starrsinnig klammerst Du an uns,
vergrämt über Deinen Machtverlust,
erzürnt über unsere Befreiung.
Du brauchst uns, aber wir brauchen Dich nicht,
weil Du uns schadest.
Viele Opfer sind zu beklagen.
Leichen pflastern Deinen Weg.
Their agony is our triumph².

Wir sind nicht mehr die Kinder auf Gehorsam getrimmt.
Unsere Verbildung und Verblödung haben wir überwunden.
Unser letztes Bißchen Menschenverstand konntest Du uns nicht austreiben.

Wir sind nicht mehr die Ehefrauen, die Du betrügst und hintergehst;
unsere Scheidung haben wir längst vollzogen.

Wir sind nicht länger zivilisierte Bittsteller, die Du schikanierst,
oder Soldaten, die Du drillst und kommandierst.
Nicht mehr die Angeklagten in Deinem Theaterstück,
exekutier‘ Dich selbst in Deinem Farce-Gericht.

Vorbei die Zeit Deiner Ausbeuterei und Verramscherei
in der Lohnsklaverei.
In Deiner Welt hat alles einen Preis
und nichts hat einen Wert³.
Bei uns ist es umgekehrt.

Wir sind weder Nutzvieh, das Du schlachtest;
noch Versuchstier, dem Du trachtest
nach dem eledigen Leben in Gefangenschaft.

Wir sind nicht länger die Patienten auf Deiner Pharma-Intensivstation,
die Junkies Deiner Wegwerf-Glitzerwarenwelt
oder die Veräußerlichten in Deinem digitalen Äther.

Nicht das Kanonenfutter, das Du verheizt,
die Ausgebombten, die Du vertreibst,
die Heimatlosen, die Du entfremdest von sich selbst.

Schluss mit dem Zu-Kreuze-Kriechen,
ob in Kirche oder Wahlkabine,
mit Häkchen oder ohne.

Wir sind nicht länger der Volksempfänger für Deine Gehirnwäsche,
die Masse, die Du spaltest,
die Prostituierten, die Du fickst.
Keine Bücklinge mehr in Deiner Hierarchie,
keine Insassen in Deiner Klapse.

Gewesen waren wir die längste Zeit
die Zuschauer in unserem eigenen Leben.
Genesen und geheilt von Deinen kranken Phantasien
gehen wir zurück zu unserer Mutter Erde.

Dein Saftladen kracht zusammen.
An Dir selbst bist Du gescheitert:
an Deinem gierig‘ Größenwahn,
Deiner eitlen Hässlichkeit,
Deiner Einfallslosigkeit.
Deine Trickkiste ist leer:
Angst machen, spalten, herrschen –
ist irgendwann durchschaut.

Deine Krieger werden müde.
Wenn selbst die strengsten Gläubigen
abfallen von Deiner Mär,
die Stirn Dir bieten mit einer Amnestie,
die Hand ihren Schwestern reichend –
zaghaft wenngleich,
Scharia hin oder her,
dann naht Dein Ende bald,
dann ist Zapfenstreich.

Trümmerhaufen und Altlasten
sind Deine Hinterlassenschaften.
So sind wir es gewohnt,
geübt im Aufräumen und Putzen.
Als schlechter Verlierer erweist Du Dich,
schlägst und beißt und trittst um Dich
wie ein verzweifelt‘ ängstlich‘ Tier.
Du weißt, der Kampf ist aussichtslos,
pfeifst aus dem letzten Loch.
Wer überhören will das noch,
wird mit Dir untergehen.

Für’s bedingungslose Aufgeben
fehlt’s Dir an Größe und an Ehre.
Wir werden die Hand nicht halten
an Deinem Sterbebett.
Das hast Du nicht nur nicht verdient –
menschliche Wärme ist Dir fremd.
Ein Monster verlässt den Planeten.
Ach wie gut, dass jede weiß, dass Du Patriarchat heißt.
Hätt’st mal besser über Deine Gefühle gesprochen.

Du kämpfst Dein letztes Gefecht,
wir sind Dein letztes Geleit
in den Abgrund.
Wer anderen eine Grube gräbt,
fällt selbst hinein.

Schluss Ende Aus Vorbei
mit Deiner Terrortyrannei.
Hast uns lang genug gequält.
Auf Nimmerwiederseh’n!
Kein ‚Danke, es war schön‘.
Hinfort mit Dir für immer.
Und nimm‘ Dein ganzes Geld mit,
wir behalten ’s Klopapier.

Anmerkungen:

¹ Ballade vom Patriarchat
² „Ihr Todeskampf ist unser Triumph.“ In Erinnerung an die 1927 hingerichteten italienischen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA.
³ In irgendeinem Buch von Roberto Saviano gelesen über die Mafia.

An die Ahnen (Gedicht)

Triggerwarnung: Das folgende Gedicht enthält Passagen esoterischen Geschwurbels und historischer Andeutungen, die für zart besaitete politisch Korrekte nicht geeignet sind und Pawlowsche Reflexe hervorrufen können.

An die Ahnen (angelehnt an Brechts1 'An die Nachgeborenen') 

Hinzugelernt aus der Geschicht' haben diesmal die Faschisten.
Die Diktatur kommt bunt daher 
im G'wand von Menschenrechten.
Geblieben ist die alte Losung:
Markiert die Guten und die Schlechten.

Statt einer Binde für den Arm, eine Binde für den Mund
in leuchtend Regenbogenfarben.
Ein grüner Punkt für Schüler*innen
ein Farbarmband im Freizeitpark
ein Sticker für den Supermarkt. 

Wer rein darf, steht am Eingang nun,
nicht, wer draußen bleiben muss. 
Die Selektion läuft andersrum
klingt freundlicher, nicht ganz so dumpf.
Gesund - der neue Volksverräter.

Wie ein Geschlecht fühlen ist okay – sich gesund fühlen ist passé.
Test und Impfen machen frei
Lockdown für Ungeimpfte.
Freiheit hat halt ihren Preis. 
Und Jede* gilt das *.

Gemahnt, gewarnt, die Lügen enttarnt.
Es ist alles gesagt von denen
die ihr Hirn nicht ließen waschen 
die sich bewahrten 
ihren Anstand und Instinkt. 
Vergebens – mit der großen trägen Masse
nimmt das Unheil seinen Lauf. 

Nun ist's an Euch, Ihr weisen Ahnen:
Sucht sie heim in ihren Träumen
raubt ihn'n den unverdienten Schlaf!
Wer nicht spurt, der soll nicht essen (sagen sie)
wer nicht wach ist, soll nicht ruh'n. (sagen wir)
Weckt sie auf, die ach so Woken, aus der fake-Solidarität.

Seid der Dorn in ihrem Auge
wenn sie vom Ungeheu'ren 
abwenden ihren Blick.
Seid der Knick in ihrer Optik der neuen Normalität.

Seid ihr Ohrwurm - penetranter
als die Pharma-Propaganda
wenn sie willentlich überhören 
das Hilfgesuch der Kinder.

Seid der Rotz in ihren Nasen
wenn sie nicht wittern wollen Gefahr. 

Seid der Kloß in ihrem Hals
bei ihrem gleichgültigen Schweigen
über diese Tyrannei. 

Seid der Dreck unter den Rändern
wenn sie waschen sich in Unschuld.

Seid der Stein in ihrem Schuh
wenn sie folgen in Gehorsam.

Seid der Stein auf ihrem Herzen
der erst fällt mit ihrer Maske
bis das Bravsein überwunden
und das Nein-Sagen gelernt. 

Seid der Stein in ihrem Magen
das Gift in ihrer Galle, die Laus auf ihrer Leber
wenn sei verdauen wollen all die Schmach
ihrer untätigen Art
zu handeln.

Beschwert sie, seid die Last auf ihren Schultern
die sich unaufrecht wegducken. 
Lasst verbrannte Hexen ins Hohlkreuz jener schießen 
wo kein Rückgrat je vorhanden. 

Seid die Pein im Arsch des Untertans,
der Denunzianten und Blockwarte
mit ihrem vernagelten Gemüt.

Seid die Ratten an ihrem Sack
wo keine Eier baumeln.
Schöne Grüße von Saint Boy2. 

Seid die Luft in ihr'm Gebälk
wenn sie woll'n leise sich entsagen 
ihrer Verantwortung im Argen. 

Seid der Plagegeist im Nacken
der ins Gewissen ihnen beißt
wenn sie vergessen was vergangen.

Seid der Stachel im Sitzfleisch ihrer Bequemlichkeit.
Seid die Wanze und die Krätze
in ihrem dicken Fell der Feigheit. 

Bis sie wach sind A L L E und verweigern den Befehl.
Dann kann endlich der Mensch dem Menschen ein Helfer sein.
Und gedacht wird Eurer
mit Dankbarkeit. 


Anmerkungen:
1Bertolt Brecht war nicht gerade ein radikalfeministischer Anarchist, schrieb aber bisweilen ganz gute Gedichte. 
2Saint Boy ist (war?) ein kastriertes Springpferd, das bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio trotz Malträtierungen durch Reiterinnen und Trainerin den Parcours verweigerte. 

Geschichten aus dem Patriarchat zu Corona-Zeiten, Teil 19

Teil 19 – Stinker im Park

Es ist ein milder Sonnentag. Sie geht mit einem Freund durch die langgestreckte Grünanlage spazieren. Auf dem Weg tummeln sich Radfahrer und Fußgänger und am Rande spielen Kinder auf der Schaukel oder am Klettergerüst. Die allermeisten Menschen haben sich nicht maskiert, vielleicht ist ihnen bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung im Freien gegen Null geht oder es fehlt ihnen der Befehl zum Aufsetzen einer Maske. Einige Gestalten jedoch, von den Terrormedien in eine Angstneurose getrieben, meiden die frische Luft, sie tragen ihre kleinen Lieblinge. Doch trotz der nun schon längeren Beziehung wissen sie häufig immer noch nicht, wie sie es am liebsten mag und tragen sie unter der Nase oder sogar am Kinn. Manch einer hält sie in der Hand oder am Arm gebunden. Da hilft wohl nur noch Paartherapie. Aber in vielen Fällen ist es dafür zu spät, zerschunden, besudelt in den Dreck geworfen, liegen die Lieblinge auf dem Boden oder im Gebüsch. Einst waren sie begehrt, glaubte der Träger sogar, nicht ohne sie leben zu können, doch die Liebe hat ein Ende. Aber musste es so grausam sein? Als sie noch rein und unbefleckt waren, waren sie zur Befriedigung eines Bedürfnisses gut genug, doch als ihre strahlende Schönheit verblasst war, landeten sie in der Gosse. Die tragischen Heldinnen hatten sich zwischen ihrem Träger und einem heraufbeschworenen Killervirus gestellt, ihn beschützt und sich geopfert, ertrugen des Trägers Spucke und Atem, seinen Mundgeruch, das Feuchtbiotop, das sich auf ihr bildete mit all den Bakterien, Keimen und Viren. Sie hielt stand, auch gegenüber seinen dreckigen Fingern, die sie ständig betatschten und dem Schweiß an seinem Hals, an den er sie drückte. Liebe erträgt viel, aber Undank ist der Welten Lohn. Doch Gift ist die Rache der Verschmähten. Das Mikroplastik, das Formaldehyd und all die anderen Chemikalien, die in ihr sind, der Cocktail an Schadstoffen, den sie ausgegast hat in seine Atemluft. Mon amour, der letzte Kuss des Verderbens. Adieu. Reiche den Zartbesaiteten jemand ein Taschentuch, für die anderen bleibt die Feststellung, dass dieser Dreck nichts im Grünen zu suchen hat. Können die braven, ständig um die Gesundheit der Mitmenschen besorgten, moralisch weit über allen stehenden Coronakreuzzügler nicht ihren Abfall in der Restmülltonne entsorgen? Offensichtlich, nein.

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Geschichten aus dem Patriarchat zu Corona-Zeiten, Teil 18

Teil 18 – Alles auf den Prüfstand

Seit sie nicht mehr im Hamsterrad des täglichen Arbeitswahnsinns lief, war sie gedanklich nicht mehr ablenkt mit lästigen Zankereien aus eben jenem Zwangsverhältnis, sondern hatte mehr Zeit, über wirklich Wichtiges nachzudenken, zu recherchieren und zwischendurch einen Kuchen zu backen. Wenn eine kleine Elite seit über einem Jahr der Menschheit eine gigantische Lüge auftischte, so wird das doch mit Sicherheit nicht das erste Mal in der Geschichte gewesen sein. Ihr kam ein weiser Spruch in den Sinn, den sie einmal irgendwo aufgeschnappt hatte, von wegen, man solle sich vor Menschen hüten, die Panik verbreiten und genauer hinsehen. Das stimmte ja auch: Angst ist bekanntlich ein Herrschaftsinstrument. Und jeder Krieg beginnt mit einer Lüge.

Die erste Panik, an die sich erinnerte, war in ihrer Kindheit das Ozonloch. Das sei eine Gefahr für die Menschheit, in Australien würde die Hautkrebsrate dramatisch ansteigen, hieß es damals. Als Verursacher galten FCKW-Gase, die daraufhin verboten wurden. War das auch eine aufgebauschte Hysterie so wie jetzt, hinter der eigentlich etwas anderes steckte, nämlich wieder irgendwelche Geldinteressen? Sie fragte sich, warum stieg in Australien die Hautkrebsrate, wenn doch das Loch über dem Südpol war? Wieso überhaupt Südpol? Wie ist das FCKW-Gemisch dort überhaupt hingekommen? Diese Gase werden doch hauptsächlich auf der bevölkerungsreicheren und industrialisierten Nordhalbkugel entfleucht sein? Sie stieß im Internet wohlgemerkt in der Mainstream-Presse auf Hinweise, dass die Dicke der Ozonschicht auch etwas mit Temperaturen zu tun habe (aha, also nicht nur FCKW, was damals ja die offizielle Begründung war) und dass FCKW-Gase sehr stabil seien (stabile, langlebige Produkte sind schlecht fürs Geschäft im Wegwerfkapitalismus), dass die Meere auch Chlor ausdünsteten (scheint einleuchtend wegen des Salzes) und dass angeblich das Patentrecht des FCKW-Herstellers damals abgelaufen sei. Hatte letzteres nicht auch der Lübecker Laborarzt berichtet, der sich erdreistet hatte, mit altbewährten Methoden einen Corona-Impfstoff herzustellen und dafür Post von der Staatsanwaltschaft bekam? Könnten nicht auch irgendwelche physikalischen Flieh- und Vakuumkräfte Löcher in der Stratosphäre bedingen, ähnlich wie bei einem Eimer Wasser, den man umrührt? Die Erde dreht sich ja schließlich. Gibt’s überhaupt nicht vielleicht mehrere Einflussfaktoren, warum sich Ozonlöcher bilden so wie es ja auch mehrere Faktoren gibt, warum jemand an einem Virus (schwer) erkrankt oder nicht?

Sie war in Physik nie gut. Der Lehrer monologisierte vorne an seinem Pult, schien kein Interesse daran zu haben, ob die Kinder ihm folgen konnten und gab im besonderen ihr zu verstehen, dass sie dafür sowieso zu blöd sei. Für ihr Selbstbewusstsein war das nicht gerade förderlich. Aber die Fragen, die sie sich jetzt stellte, schienen ihr doch sehr berechtigt. Sie informierte sich beim Deutschen Wetterdienst. Dort erfuhr sie gleich im ersten Absatz, dass Ozonlöcher wiederkehrende, saisonale Phänomene seien, nämlich in den Polarnächten, und aufgrund der geographischen Besonderheit vor allem Südpol. Dass es auf der Nordhalbkugel wegen anderer geographischer Verhältnisse sehr viel mehr Luftaustausch und damit „schlechtere“ Bedingungen für ein Ozonloch gebe. Dass die Ozonschicht insgesamt sehr dünn sei und dass der stratosphärische Ozonmangel in den Polartagen aus tropischen Gefilden wieder aufgefüllt werde. Dass FCKW-Gase die Ozonschicht beeinflussen, aber genauso Kreuzblütengewächse und Vulkanausbrüche. Wie viel Nordhalbkugel-FCKW nun im südpolaren Ozonloch steckte, war dort leider nicht zu erfahren, dafür aber im letzten Absatz: dass das Ozonloch 1990 sehr klein, 2006 sehr groß, 2012 wieder deutlich kleiner war. Das passte nicht mit der Verbannung von FCKW seit 1987 zusammen. So resümierte sie für sich: Wie viele Industrieanlagen, Kühlschränke, Haarspraydosen usw. es in den ’80er Jahren auch immer gegeben haben mag, wenn sie auf den Globus schaute, konnten die darin enthaltenen Schadgase für Mutter Erde doch nicht mehr als ein patriarchaler Furz gewesen sein – ohne damit rücksichtslose Kapitalisten in Schutz nehmen zu wollen. Warum sonst hatte sich die Ozonlochproblematik auf der Nordhalbkugel – Strömungen hin oder her – nicht verschärft? Ob sie mit ihrer Schlussfolgerung nun richtig lag oder falsch: Die Erklärung mit den stabilen Polarwirbeln am Südpol schien ihr doch viel einleuchtender und bedeutsamer als das FCKW. Und dann war da ja noch der Hinweis auf monetäre Interessen. Eingesetzt für die Abkehr vom FCKW, beschlossen im so genannten Montrealer Protokoll, hatten sich übrigens so honorige Persönlichkeiten wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher… Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Drei Affen, 5G und ein A (Gedicht)

Drei Affen, 5G und ein A

Drei Affen und 5G
nichts hören nichts sehen nichts sagen
gehorsam getestet gespritzt und getrackt – gefangen
auf narkolepsiert folgt genmanipuliert folgt transhumiert
Cont er ga‘ nichts für.
Oder doch?

Sich fügen heißt lügen
Affen schwingen durch die Lüfte, lausen und liebkosen
tausch‘ 5G für ein gekreistes A
Anarchie statt Plandemie

kein Gott kein Herr kein Staat
das Göttliche in dir
über dich herrschst du
l’état n’est plus, perdu, c’est toi

Frieden Freiheit keine Diktatur
so leicht wie Sonntagmorgen.
Worauf wartest du?

Geschichten aus dem Patriarchat zu Corona-Zeiten, Teil 17

Teil 17 – Zweiter Corona-Frühling

Sie schlenderte am See entlang. Der Regen der vergangenen Tage hatte die Natur richtig sprießen lassen. Nur wenige Spätzünder unter den Bäumen, die ihre Blätter noch nicht frei entfaltet hatten. Besser spät als nie, dachte sie. Es näherten sich zwei Jogger. Keine kernigen Handwerker, eher so Bürotypen, die es in ihrem fortgeschrittenen Alter sicherlich auf irgendwelche Leitungspositionen geschafft hatten. Für richtige α-Tierchen fehlte es ihnen an Arroganz, da schwang irgendwie zuviel Untertanengeist mit, die Sportklamotten nicht hip genug. Sie unterhielten sich über das Thema, das seit mehr als einem Jahr die Welt beherrscht. Vielmehr mansplainte der eine dem anderen die Ohren voll. Jetzt wurde nicht mehr über Fußball gefachsimpelt, als wäre das eine höhere Wissenschaft, sondern alle waren zu Virenexperten mutiert. Dass es ja saisonale Verläufe gebe und in Indien sei ja gerade Winter, deswegen auch diese gefährliche Variante. Holy Moses – wenn schon falsche Verortung auf der Südhalbkugel, dann wenigstens Herbst statt Winter, murmelte sie bei sich. Es musste wirklich ein Kult geworden sein, wie schon ein youtube-Philosoph vermutete. Ein Kult, mit dem sich so wunderbar die Wirklichkeit ausblenden lässt, man sich so wunderbar von sich selber ablenken, sich wichtig machen kann, dazugehört. Dafür kann man auch mal Jahreszeiten und einen ganzen Subkontinent verschieben. Wie war das noch mit 2+2=5?